Ich bin Sandra Kaiser, psychologische Beraterin für Beziehung und Sexualität. Ich begleite Einzelpersonen und Paare, die ihre Beziehung, ihre Sexualität oder ihren Umgang mit Nähe klarer verstehen und bewusster gestalten möchten. Meine Arbeit verbindet paar- und sexualtherapeutische Beratung mit einem besonderen Blick auf Konsens, Körperwahrnehmung und einvernehmliche Berührung.

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Wenn weibliche Lust nicht mehr nur antwort


In der Lebensmitte verändert sich weibliche Lust nicht nur durch Hormone oder Beziehungsdauer. Oft verschiebt sich die zentrale Frage: nicht mehr, ob eine Frau begehrenswert ist, sondern was sie selbst begehrt. Dieser Text schaut auf aktive Lust, auf Anpassung und auf den Moment, in dem der Körper nicht mehr nur antworten will.


Viele Frauen merken in der Lebensmitte nicht einfach, dass ihre Lust weniger wird. Sie merken, dass die alte Art von Sexualität nicht mehr selbstverständlich funktioniert. Vielleicht war Sexualität lange etwas, das in Beziehung entstand: aus Nähe, aus dem Wunsch des Partners oder der Partnerin, aus dem Gefühl, begehrt zu werden, aus einer Stimmung heraus, die man mitgetragen hat. Vielleicht war Lust nicht immer klar als eigene Bewegung spürbar, sondern eher als Antwort auf Berührung, Erwartung, Vertrautheit oder die Frage, ob man noch gewollt wird.

Das kann lange gut gehen. Es kann sogar schön sein, begehrt zu werden. Der Blick des anderen kann wärmen, bestätigen, erregen. Er kann einen Körper lebendig machen. Aber begehrt zu werden ist nicht dasselbe wie selbst zu begehren.
In der Lebensmitte kann genau diese Unterscheidung deutlicher werden. Dann lautet die Frage nicht mehr zuerst: Bin ich noch begehrenswert? Sondern: Was begehre ich eigentlich?

Diese Frage führt weg vom äußeren Blick und näher an den eigenen Körper. Sie fragt nicht danach, ob eine Frau noch attraktiv, offen, verfügbar oder leidenschaftlich genug wirkt. Sie fragt, was sie selbst will. Was sie anzieht. Welche Berührung sie sucht. Welche Art von Nähe sie öffnet. Welche Fantasie, welches Tempo, welche Stimmung, welche Form von Kontakt aus ihr selbst heraus entsteht.

Wenn Lust lange über Resonanz gelernt wurde

Viele Frauen haben Sexualität nicht zuerst als eigenen Raum kennengelernt. Sie haben früh gelernt, wie sie wirken. Ob sie schön sind, begehrenswert, zu viel, zu wenig, offen genug, zurückhaltend genug, sexy genug, ohne zu viel zu sein. Diese Blicke bleiben im Körper.

Auch in langjährigen Beziehungen kann weibliche Lust stark über Resonanz organisiert sein. Es geht dann nicht nur um die Frage: Habe ich Lust? Sondern oft unmerklich auch um andere Fragen: Fühlt sich mein Gegenüber gewollt? Enttäusche ich jemanden? Bin ich noch attraktiv? Halte ich Nähe aufrecht? Vermeide ich Kränkung? Bin ich eine gute Partnerin?

So kann Sexualität über Jahre Teil der Beziehungsregulation werden. Nicht unbedingt dramatisch. Oft viel feiner. Man geht mit, obwohl der eigene Körper noch nicht wirklich da ist. Man lässt Berührung zu, die nicht unangenehm ist, aber auch nicht lebendig. Man beschleunigt Erregung, weil der Moment sonst zu lange dauern könnte. Man zeigt Begehren, weil das Gegenüber sonst verunsichert wäre. Man hält eine sexuelle Routine aufrecht, weil sie zur Beziehung gehört.

Nichts davon muss sich im einzelnen Moment falsch anfühlen. Aber über Jahre kann der Körper leiser werden. Nicht, weil er keine Lust mehr kennt. Sondern weil er zu selten gefragt wurde, welche Lust eigentlich seine eigene ist.

Wenn keine Lust mehr sagt als Müdigkeit

Wenig Lust wird oft als Problem verstanden. Als Mangel, Verlust, etwas, das zurückkommen soll. Manchmal stimmt das. Manche Frauen vermissen ihre Lust. Sie leiden darunter, dass ihr Körper weniger reagiert, dass Erregung schwerer entsteht, dass Nähe nicht mehr selbstverständlich in Sexualität übergeht. Körperliche Veränderungen, Schlafmangel, Stress, hormonelle Umstellungen, Medikamente, Schmerzen oder Beziehungskonflikte können dabei eine Rolle spielen.

Aber manchmal sagt „keine Lust“ noch etwas anderes. Manchmal sagt der Körper: So nicht mehr. Nicht mehr diese Geschwindigkeit. Nicht mehr diese Berührung. Nicht mehr dieser Ablauf. Nicht mehr Sexualität als Friedensangebot. Nicht mehr Nähe, die eigentlich Erwartung meint. Nicht mehr verfügbar sein, bevor überhaupt klar ist, ob der eigene Körper mitkommt.
Das Ausbleiben von Lust kann dann schmerzhaft sein, aber auch aufschlussreich. Es zeigt nicht nur, dass etwas fehlt. Es kann zeigen, dass etwas nicht mehr übergangen werden will. Wenn wenig Lust nur als Störung betrachtet wird, versucht man oft, die alte Sexualität wiederherzustellen. Vielleicht geht es aber nicht darum, wieder so zu werden wie früher. Vielleicht geht es darum, herauszufinden, welche Sexualität heute überhaupt noch stimmt.

Aktive Lust beginnt mit einer anderen Frage

Aktive Lust bedeutet nicht, immer initiativ, laut, dominant oder experimentierfreudig zu sein. Sie muss nicht spektakulär wirken. Sie kann leise sein, langsam, tastend, wechselhaft. Entscheidend ist, dass sie aus dem eigenen Inneren kommt.
Sie fragt nicht zuerst: Was erwartet mein Gegenüber? Sie fragt: Was regt sich in mir? Sie fragt nicht: Wie wirke ich? Sie fragt: Bin ich anwesend? Sie fragt nicht: Reagiere ich richtig? Sie fragt: Will ich das?

Für viele Frauen ist diese Bewegung ungewohnt. Sie kennen vielleicht die Lust, gewollt zu werden. Die Erregung, wenn jemand sie begehrt. Die Sicherheit, attraktiv zu sein. Das alles darf bleiben. Aber es ist nicht dasselbe wie die eigene Wunschrichtung. Selbst zu begehren bedeutet: Ich bin nicht nur diejenige, die auf einen Wunsch antwortet. Ich bin auch diejenige, in der ein Wunsch entstehen darf.

Manchmal kommt aktive Lust nicht zuerst als Lust zurück. Manchmal kommt sie als Grenze. Eine Abneigung gegen den alten Ablauf. Eine Ungeduld mit Berührungen, die früher okay waren. Eine neue Empfindlichkeit gegenüber Druck. Eine Wut darüber, wie lange der eigene Körper funktioniert hat, ohne wirklich gefragt zu werden.

Warum Wut näher an Lust sein kann als Freundlichkeit

In meiner Beratungsarbeit erlebe ich, wie lange Frauen brauchen, um den Unterschied zwischen „ich habe keine Lust“ und „ich habe keine Lust auf diesen Ablauf“ zu formulieren. Oft ist es erst im Gespräch, dass dieser Satz möglich wird. Und meistens verändert er alles.

Viele Frauen haben gelernt, Beziehung freundlich zu regulieren. Stimmungen ausgleichen, Verletzungen erklären, Bedürfnisse anderer vorwegnehmen, nicht zu scharf werden, nicht zu hart, nicht zu egoistisch. In der Sexualität kann diese Freundlichkeit teuer werden.

Wenn eine Frau zu lange freundlich bleibt, wo ihr Körper längst zögert, verliert sie oft den Kontakt zu ihrer eigenen Richtung. Sie weiß dann vielleicht, was sie vermeiden möchte, aber nicht mehr, was sie will. Sie spürt Rückzug, aber noch keinen Wunsch. Müdigkeit, aber keine Neugier. Abwehr, aber kein Begehren.

Wut kann hier klären. Nicht als Angriff auf den anderen. Nicht als Dauerzustand. Aber als Kraft, die sagt: Ich komme auch vor. Mein Körper ist nicht nur ein Ort, an dem Beziehung bestätigt wird. Meine Lust ist nicht dazu da, Kränkungen zu vermeiden. Mein Ja soll wieder etwas bedeuten.

Ohne Grenze bleibt Begehren oft schwach. Wer nicht gut Nein sagen darf, kann das eigene Ja schwer spüren.

Der Körper von innen

Viele Frauen erleben ihren Körper in sexuellen Situationen nicht nur von innen. Sie sehen sich zugleich von außen. Wie liege ich? Wie sieht mein Bauch aus? Sind meine Brüste noch schön? Wirke ich begehrenswert? Merkt man, dass ich nicht sofort erregt bin? Dieser innere Blick von außen kann Lust stark stören. Er macht den Körper zum Objekt der Bewertung.

Aktive Lust braucht einen anderen Zugang. Sie braucht den Körper nicht zuerst als Bild, sondern als bewohnten Ort. Wie fühlt sich Berührung von innen an? Wo entsteht Interesse? Wo wird der Körper wach? Wo zieht er sich zurück? Welche Art von Druck, Wärme, Bewegung oder Sprache bringt mich näher zu mir? Wann bin ich nur damit beschäftigt, gut zu wirken? Wann vergesse ich, wie ich aussehe, weil ich wirklich spüre?

In der Lebensmitte kann eine neue Freiheit entstehen: weniger gefallen müssen, weniger beweisen müssen, weniger dem Bild entsprechen müssen, das lange mit weiblicher Attraktivität verbunden war. Dann wird der Körper nicht unbedingt makelloser. Aber vielleicht eigener.

Solo-Sex als eigener Erfahrungsraum

Solo-Sex kann für Frauen in der Lebensmitte ein wichtiger Raum sein. Nicht als Ersatz für Paarsexualität. Nicht als Rückzug aus der Beziehung. Sondern als Möglichkeit, den eigenen Körper ohne Erwartung von außen zu erkunden.

Wie berühre ich mich, wenn niemand etwas von mir möchte? Welche Fantasien tauchen auf, wenn ich niemandem gefallen muss? Was interessiert mich, wenn ich nicht beobachtet werde? Welches Tempo gehört zu mir? Welche Berührung langweilt mich? Wo entsteht Erregung, wenn ich nicht auf den Ablauf einer gemeinsamen Sexualität reagiere?

Nicht alles, was dort auftaucht, muss geteilt werden. Nicht jede Fantasie muss in die Paarsexualität. Aber wer den eigenen Körper besser kennt, kann auch in der Beziehung anders sprechen. Klarer. Weniger ausweichend. Weniger abhängig davon, ob das Gegenüber zufällig den richtigen Weg findet.

Was sich im Paar verändert

Wenn weibliche Lust nicht mehr automatisch antwortet, verändert sich oft die Paarbalance. Vielleicht war Sexualität lange ein vertrauter Weg, Nähe zu sichern. Vielleicht hat der Partner oder die Partnerin sich über Sex begehrt, beruhigt oder bestätigt gefühlt. Vielleicht war nicht bewusst, wie viel Beziehungsarbeit über den Körper der Frau lief. Wenn dieser Körper nun nicht mehr auf dieselbe Weise verfügbar ist, entsteht Verunsicherung.

Das kann schmerzhaft sein. Auch für die andere Person. Sie erlebt vielleicht Zurückweisung, obwohl eigentlich eine alte Anpassung endet. Deshalb reicht es auf Dauer nicht, nur „Ich habe keine Lust“ zu sagen. Der Satz kann wahr sein, aber er bleibt oft zu grob. Er erklärt nicht, ob es um Müdigkeit geht, um Berührung, um alte Kränkungen, um Druck, um fehlende aktive Lust, um körperliche Beschwerden oder um eine neue Grenze.

Eine klarere Sprache könnte lauten: „Ich merke, dass mein Körper auf unseren alten Ablauf nicht mehr antwortet.“ Oder: „Ich will nicht mehr einfach mitgehen, bevor ich selbst weiß, ob ich wirklich will.“ Solche Sätze sind nicht bequem. Aber sie sind fairer als Schweigen.

In der Beratung geht es bei weiblicher Lust in der Lebensmitte nicht darum, eine Frau wieder passend zu machen. Es geht darum, Lust von Anpassung, Druck, Scham, Beziehungspflicht und alten Rollen zu entflechten. Das Ziel ist nicht, wieder zu funktionieren. Das Ziel ist eine Sexualität, in der eine Frau sich selbst nicht verlassen muss.

Wenn du merkst, dass deine Lust lange mehr geantwortet hat als gefragt hat — und du herausfinden möchtest, was sie eigentlich will: Komm gern zu einem kostenlosen Kennenlerngespräch. Buchbar über meinen Kalender.

„Intimität entsteht durch Kommunikation“

Michael Firnkes hat mir Fragen zu dem Thema Sexualität und Konsens gestellt – hier ist das Interview

Wenn sich zwei Menschen sexuell begegnen, die sich noch nicht lange kennen, gibt es auf der einen Seite nicht selten die Angst vor Grenzverletzung. Auf der anderen Seite steht die Sorge davor, eben jener beschuldigt zu werden, obwohl man von einem gemeinsamen Konsens ausging. Sandra, wie bleiben trotzdem intime bzw. sexuelle Begegnungen möglich, die spontan im Moment entstehen?

Wenn zwei Menschen zusammen sexuell werden wollen, gehe ich davon aus, dass sie sich etwas Gutes tun wollen: gemeinsam Erregung erleben, körperliche Nähe spüren und vielleicht emotionale Verbindung erleben. Angst ist dabei kein guter Begleiter.

Wenn ich mich im Alltag verabrede komme ich ohne Kommunikation über gemeinsame Vorstellungen und Wünsche auch nicht dazu gemeinsam etwas Schönes zu erleben. Interesse am Anderen, reden, zuhören, nachfragen – das halte ich für wichtig.

Spüre ich dennoch Irritationen im sexuellen Kontakt, hilft es Augenkontakt herzustellen, langsamer zu werden, vielleicht auch mal eine kurze Pause zu machen, was zu trinken oder auf die Toilette zu gehen, um dann zu schauen: Ist meine Lust noch da? Will ich da anknüpfen, wo wir gerade waren?

„Muss ich mir jetzt alles vorher unterschreiben lassen?“ ist ein Gedanke vor allem der männlichen Seite, die ich durchaus nachvollziehen kann. Ist das aus deiner Sicht eine Möglichkeit, um besser zu reflektieren, was man will und was nicht?

Interessant an diesem Ansatz finde ich den Punkt darüber zu reflektieren, was man klar will, was man klar nicht will und den Raum der dazwischen existiert: Unsicherheit. Genau dieser Raum ist ja extrem spannend und vor allem intim in dem Sinne, dass ich mich zeige. Dazu gehört auch meine und deine Unsicherheit, die ich menschlich finde und die durchaus reizvolle Erforschung des »Raum des Nichtwissens«.

„Ich wünsche mir, dass du unbedingt sofort kundtust, wenn dir etwas nicht gefällt, was ich tue.“

Welche Alternativen gibt es, die weniger formell und dennoch klar sind?

Ein guter Freund hat mir von einer sehr schönen Möglichkeit erzählt, wie er klar ist ohne formell zu sein: „Ich selbst sage neuen, aber auch bisherigen Sexpartnern: Ich wünsche mir, dass du unbedingt sofort kundtust, wenn dir etwas nicht gefällt, was ich tue. Ich verspreche dir, dass ich nicht irritiert sein werde und sofort darauf in deinem Sinne eingehen werde. Und ich werde sofort mitteilen, was sich für mich nicht gut anfühlt, und gerne Berührungsalternativen nennen.“

Ich finde das ist eine sehr erwachsene und ganz wunderbare Aussage, die im besten Sinne fürsorglich für beide ist. Auf diese Weise ist ständiges Nachfragen gar nicht nötig. Zusätzlich darf ich erleben wie es mich entspannt, wenn jemand gut für sich sorgt.

Wie lassen sich Körpersignale aber auch Äußerungen so deuten, dass es nicht zu Missverständnissen kommt? Was hilft im Vorfeld, um herauszufinden, ob mein Gegenüber den intimen Kontakt in dieser Form auch wirklich will?

Körpersignale sind so gut wie nie eindeutig – das zu wissen ist ein sehr wichtiger erster Schritt. Wenn ich Zweifel habe, ob ich jemanden richtig verstehe, hilft nur eins: fragen. »Möchtest du, dass ich dich küsse?«

„Möchtest du, dass ich damit weitermache?“

Wie kann ich in der Begegnung selbst herausfinden, ob mein Gegenüber noch im Konsens ist, ohne dass der intime Moment durch fortlaufendes Nachfragen gestört wird?

Deine Frage impliziert, dass Kommunikation die Intimität stört. Ich sehe es eher so, dass Intimität durch Kommunikation entsteht. Wie wäre es, wenn wir sexy kommunizieren? Ich finde die Frage: „Möchtest du, dass ich damit weitermache?“ eher erotisch als störend. Und auch mein „Oh, jaaaaa…“ kann für mich, wie für mein Gegenüber, erotisch sein. Zusätzlich kann ich durch hörbares atmen, stöhnen, brummen, schnurren und die Bewegungen meines Körpers kommunizieren.

Auf der anderen Seite: Was können jene beitragen, die sich schwer damit tun, ihre Grenzen zu erkennen und zu äußern bzw. zu zeigen? Wie lässt sich die klare Kommunikation üben?

Wer seine Grenzen zwar kennt, aber sich damit schwertut sie mitzuteilen, hat vermutlich ein Thema mit dem eigenen Selbstwert oder unbewusste Glaubenssätze. Wenn ich mich selber als wertvoll wahrnehme, liegt es auf der Hand, dass ich nicht nur mit einem „Ja“ wertvoll bin, sondern mit allen meinen Facetten und Anteilen. Üben lässt sich das, indem ich mich häufiger – auch in Alltagssituationen – frage, was gerade mein Wunsch ist, womit es mir gut gehen würde und darüber spreche.

Selbstwertthemen können sehr komplex sein, so dass es hilfreich sein kann sich in der Findung der eigenen Werte begleiten zu lassen.

Mein Geschenk an mein Gegenüber kann eine Handlung oder eine Erlaubnis sein.

Was passiert aus deiner Sicht, wenn zwei Menschen nicht im Konsens sind, auch feste Paare: Gibt es „Warnzeichen“ vorab? Und wie können beide Partner*innen darauf reagieren?

Als Paar im Alltag nicht immer im Konsens zu sein, halte ich für normal und wichtig. Der Sexualtherapeuten David Schnarch nennt Differenzierung als wichtige Voraussetzung für gelingende Erotik in der Partnerschaft. Warnzeichen in der gemeinsamen Sexualität können ein häufiges Gefühl der inneren Leere und Unverbundenheit sein, manchmal auch wachsende Lustlosigkeit. Spätestens dann wird es wichtig sich darüber zu unterhalten, was man sich beim Sex wünscht.

Ich bin ein großer Fan des 3-Minuten-Spiel, das sich auf das Wheel of Consent, das Konsens-Rad, bezieht. Mit den Fragen „Wie möchtest du mich berühren?“ und „Wie möchtest du von mir berührt werden?“ lassen sich ganz praktisch unterschiedliche Berührungen erleben und erforschen. Sehr aufschlussreich ist dabei die Erkenntnis, dass es Konsens nicht nur in der Dynamik „dienen (umgangssprachlich geben) und empfangen“ gibt, sondern ebenfalls in der Dynamik „nehmen und erlauben“. Mein Geschenk an mein Gegenüber kann eine Handlung sein oder eine Erlaubnis, die vorher gegeben wurde.

„Nur ein Ja ist ein Ja.“

Aus deiner Erfahrung heraus: Was wünschst du dir, damit das Thema Konsens mehr in die Öffentlichkeit gelangt, ohne für zusätzliche Verunsicherung zu sorgen?

Offenere Kommunikation über Sexualität – ganz klar. Zusätzlich ein wachsendes Bewusstsein für Grenzen – auch im Alltag. „Nur ein Ja ist ein Ja.“ bringt es für mich gut auf den Punkt. Wenn es uns dann noch gelingt, den eigenen Unsicherheiten liebevoller zu begegnen, sind wir ein großes Stück weiter, uns als Menschen wertschätzend zu begegnen.

Mehr dazu findest du im weiterführenden Text „Sexuelle Kommunikation stört Intimität nicht“. Dort geht es darum, wie Kommunikation im Sex Nähe schaffen kann, ohne den Moment zu überfrachten.

Auf seinem Blog zu Achtsamkeit und Sexualität hat Michael Firnkes weitere interessante Fragen über Weibliches Begehren an Hanna Krohn und an Alma Katrin Wagnere über Intimität in Beziehungen gestellt.

Was ist der Vorteil von Konsens?

Der Begriff Konsens ist uns eher aus dem geschäftlichen Umfeld bekannt: Eine Entscheidung ist getroffen, wenn alle dafür sind. Der Vorteil einer einvernehmlichen Entscheidung liegt auf der Hand: Wenn ein Konsens erzielt wurde und damit vielleicht ein Problem aus der Welt geschaffen wurde, stehen alle Beteiligten hinter dem gefundenen Beschluss und tragen ihn gemeinsam mit.

Das ist etwas grundsätzlich Anderes als eine Abstimmung, bei der es immer Gewinner und Verlierer gibt.

Ich zeige hier warum es vorteilhaft ist, den Begriff Konsens im Licht einer partnerschaftlichen Liebesbeziehung oder einer erotischen Begegnung zu betrachten.

In der Liebe und Erotik haben wir das Ideal uns frei fühlen zu wollen, bestenfalls mit dem Partner gemeinsam im Flow zu sein.

Konsens in Berührungen

In erotische Begegnungen wollen wir uns als Paar genießen und uns über den Raum, der zwischen uns entsteht, freuen: Verbindung spüren, uns gegenseitig nähren, Liebe, Lust und Leidenschaft erleben.

Für den Wunsch nach diesem Gefühl rechnen wir nicht auf, erlauben uns und dem Partner*in sich fallen zu lassen und lassen manchmal »fünfe gerade sein« – sind großzügig. Häufig empfinden wir uns in dieser Großzügigkeit als besonders liebevoll.

Aber…

Wir sind auch deshalb großzügig, weil wir uns mit einem Menschen in eine intime Welt begeben, in der wir sehr viel von uns zeigen und uns dementsprechend verletzlich fühlen.

Wie heißt der Satz: »Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.« Sind wir vielleicht auch manchmal großzügig um damit der Gefahr zu entgehen selber kritisiert zu werden?

Sage ich vielleicht deshalb nicht: »Ich finde es schöner, wenn du mich auf eine andere Art, in einem anderen Tempo, an einer anderen Stelle berührst«, weil ich es selber nicht gerne hören würde? Weil sich dann das Gefühl bei mir einstellen könnte, ich sei »nicht gut im Bett«?

Das geschieht, wenn wir unsere Wünsche nicht äußern

Wenn wir unsere Wünsche nach Berührung gar nicht oder eben nicht genauer äußern, wo bleibt dann diese kleine Enttäuschung? Wenn er einen Hauch zu kräftig über unsere Haut streicht und wir deswegen nicht in unser entspanntes Wohlgefühl kommen? Oder wenn sie immer wieder zögerlich und zurückhaltend in ihren Berührungen bleibt?

(Ich nutze für diese Beispiele ganz bewusst Klischees, weil sie in diesem Fall helfen können Dynamiken besser zu entschlüsseln.)

Wollen wir Sex haben?

Diese kleinen Enttäuschungen sammeln sich auf einem kleinen Haufen. Und wenn das nächste Mal die Frage in der Luft liegt: »Wollen wir Sex haben?«, dann kommen sie um die Ecke gekrochen und bringen Zweifel und unter Umständen Unlust mit. Nach dem Motto: Dann passiert wieder das, was ich eigentlich nicht 100%ig schön finde, was mich nicht wirklich entspannt, was mich nicht wirklich anmacht, was sich lau anfühlt.

Mit diesem kleinen Haufen Enttäuschungen sind wir immer leichter geneigt »Nein, danke« zu denken und schlagen vor, doch vielleicht lieber gemeinsam ins Kino zu gehen.

Konsens, also von beiden empfundene Einvernehmlichkeit, schafft uns also einen sicheren Raum in dem wir davon ausgehen können, dass eine Berührung sich genau dann gut anfühlt, wenn wir jederzeit zu ihr »Ja« oder »Nein« sagen dürfen.

Wenn Berührung ein Geschenk ist

Wenn ich Wünsche formulieren darf, weil ich mir sicher sein kann, dass die Berührung ein Geschenk für mich ist.

Wenn ich mir dieser gebenden Motivation meiner Partner*in sicher sein kann, bin ich frei jederzeit etwas zu verändern: Ich kann mir Varianten oder auch etwas ganz Anderes wünschen – und muss mir nicht Kopf zerbrechen, ob ich meinen Partner*in mit meinen Wünschen irritieren oder ob er/sie sich beleidigt fühlen könnte.

Wheel Of Consent, Konsens-Rad. Dynamik geben - empfangen

Der Text beschreibt die Dynamik in Berührungen zwischen den Quadranten „Geben“ und „Empfangen“ im Wheel Of Consent von Dr.Betty Martin