Kategorie: Berührung und Konsens

Welche Berührungen tun dir wirklich gut?

Viele Menschen wissen schneller, welche Berührung sie nicht mögen, als welche ihnen wirklich gut tut. Dieser Text schaut nicht auf Sex als Ziel, sondern auf Berührung selbst: Druck, Tempo, Richtung, Erlaubnis, Nehmen, Geben und die Frage, ob der Körper wirklich dabei ist.

Viele Menschen wissen schneller, welche Berührungen sie nicht mögen, als welche ihnen wirklich guttun. Sie merken, wenn eine Hand zu fest ist, wenn ein Streicheln kitzelt, wenn ein Kuss zu schnell wird oder wenn eine Berührung innerlich Druck erzeugt. Aber die Frage, was genau angenehm wäre, ist oft viel schwerer zu beantworten. Nicht nur in der Sexualität. Auch in vertrauten Beziehungen.

Eine Umarmung, die liebevoll gemeint ist — aber irgendwie landet sie nicht ganz. Die Arme sind da, die Wärme ist da. Und trotzdem bleibt etwas auf Abstand. Nicht Ablehnung. Eher: der Körper ist noch nicht sicher, ob er ankommen darf. Eine Hand auf dem Rücken, die früher schön war und inzwischen eher gewohnheitsmäßig wirkt. Ein Kuss beim Nachhausekommen, der mehr Ritual als Begegnung ist. Eine Berührung im Bett, bei der der Körper sofort prüft, ob daraus gleich mehr werden soll.

Berührung ist nie nur Berührung. Sie trägt Absicht, Geschichte, Erwartung und Beziehung in sich. Manchmal beruhigt sie. Manchmal weckt sie Lust. Manchmal fühlt sie sich okay an, aber nicht lebendig. Manchmal ist sie nicht schlimm genug, um sie zu stoppen, aber auch nicht gut genug, um sich wirklich darin zu öffnen.

Warum gute Berührung schwerer ist, als es klingt

Gute Berührung besteht aus vielen kleinen Qualitäten. Es macht einen Unterschied, ob eine Hand streicht oder hält, ob sie mit Fingerspitzen, Handfläche, Unterarm oder Gewicht berührt. Es macht einen Unterschied, ob der Druck leicht, klar, flächig, punktuell, warm, forschend, verspielt oder haltend ist. Tempo, Richtung, Rhythmus, Dauer, Körperregion und Absicht verändern alles.

Eine Berührung kann technisch sanft sein und sich trotzdem unruhig anfühlen. Eine kräftige Berührung kann sicher wirken, wenn sie klar und anwesend ist. Eine Hand kann auf der richtigen Körperstelle liegen und trotzdem nicht guttun, weil sie innerlich schon beim nächsten Schritt ist. Der Körper spürt oft, ob eine Berührung wirklich im Kontakt bleibt oder ob sie ein Ziel verfolgt.

Viele Menschen haben dafür wenig Sprache. Sie sagen „sanfter“, „fester“ oder „nicht so“, wissen aber selbst noch nicht genau, ob sie Druck, Tempo, Richtung, Rhythmus, Fläche, Wärme oder Absicht meinen. Genau dieses „schon okay“ ist in langen Beziehungen häufig ein Problem. Es ist kein deutliches Nein. Aber es ist auch kein lebendiges Ja.
Wenn Berührung über längere Zeit nur ungefähr passt, wird der Körper leiser. Er reagiert weniger, öffnet weniger, erwartet weniger. Nicht, weil er grundsätzlich keine Nähe möchte, sondern weil er gelernt hat, dass es sich nicht lohnt, genauer zu werden.

Die Angst, anstrengend zu sein

Viele Menschen korrigieren Berührung nicht, obwohl sie könnten. Sie wollen den Moment nicht unterbrechen, nicht kleinlich wirken, nicht kompliziert, nicht kontrollierend, nicht undankbar. Besonders in sexuellen Situationen kann eine kleine Korrektur sich plötzlich groß anfühlen. „Etwas weniger Druck“ klingt einfach. Im Körper kann es sich anfühlen wie: Ich störe. Ich mache es schwierig. Ich enttäusche dich.

Manche halten deshalb Berührungen aus, die nicht wirklich unangenehm sind, aber auch nicht schön. Sie lassen die Hand dort, wo sie eigentlich nicht bleiben soll. Sie warten, ob es gleich besser wird. Sie hoffen, dass das Gegenüber von selbst merkt, was gemeint ist. Oder sie ziehen sich innerlich zurück und bleiben äußerlich verfügbar. Das ist eine feine Form von Selbstverlust. Keine dramatische, aber eine, die sich sammelt.

Gute Berührung braucht deshalb nicht nur Zustimmung. Sie braucht die Erlaubnis zur Genauigkeit. Ich darf sagen, dass etwas anders sein soll. Ich darf eine Berührung verändern, auch wenn sie liebevoll gemeint war. Ich darf mitten im Kontakt merken, dass mein Körper etwas anderes braucht.

Angenehm, erregend, nährend oder stimmig

Berührung kann auf sehr unterschiedliche Weise gut sein. Eine Berührung kann angenehm sein, ohne erotisch zu sein. Sie kann erregend sein, aber nicht emotional nährend. Sie kann beruhigen, aber kein Begehren wecken. Sie kann intensiv sein und trotzdem innerlich nicht stimmen.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Paare Berührung oft zu schnell deuten. Wenn etwas angenehm ist, heißt das nicht, dass es sexuell weitergehen soll. Wenn ein Körper erregt reagiert, heißt das nicht automatisch, dass ein Mensch genau diese Handlung möchte. Wenn jemand eine Berührung zulässt, heißt das nicht, dass sie wirklich genossen wird. Der Körper ist vielschichtig. Je besser Paare diese Unterschiede kennen, desto weniger müssen sie raten.

Wer handelt, und für wen geschieht es?

Das Konsensrad kann hier hilfreich sein, weil es eine einfache und zugleich anspruchsvolle Frage stellt: Wer handelt gerade, und für wen geschieht es? Beim Annehmen bekomme ich eine Berührung, die für mich geschieht. Beim Dienen handle ich für die andere Person. Beim Nehmen folge ich meinem eigenen Berührungswunsch, während die andere Person erlaubt. Beim Erlauben lasse ich zu, dass die andere Person mich zu ihrer Freude berührt.

Diese Unterscheidung deckt vieles auf. Manche können gut geben, aber schwer empfangen. Manche erlauben, obwohl sie eigentlich aushalten. Manche berühren scheinbar für den anderen, suchen aber Bestätigung, Nähe oder Erregung für sich selbst. Manche haben Angst vor dem Nehmen, weil der eigene Wunsch schnell als egoistisch wirkt.

Erlauben ist dabei nicht passiv. Wer erlaubt, muss bei sich bleiben. Ein Ja darf sich verändern. Es darf genauer werden. Es darf kleiner werden. „Ja, aber langsamer.“ „Ja, aber nicht dort.“ „Nein, jetzt nicht mehr.“ Wenn solche Korrekturen möglich sind, muss der Körper nicht erst dichtmachen, um sich zu schützen.

Das 3-Minuten-Spiel als kleines Labor

Das 3-Minuten-Spiel begleitet mich seit Jahren — als Übung in Workshops, als Einstieg in Paargespräche, manchmal als das Einzige, was zwei Menschen in einer festgefahrenen Situation wieder miteinander in Berührung bringt. Nicht weil es ein Wundermittel ist. Sondern weil es Fragen stellt, die sonst selten gestellt werden.

Es fragt: Wie möchtest du von mir berührt werden? Und: Wie möchtest du mich berühren? Drei Minuten sind dabei ein wichtiger Rahmen. Eine Berührung muss nicht weitergehen. Sie muss nicht eskalieren. Sie muss nicht in Sex münden. Nach drei Minuten endet der Durchgang. Danach kann gesprochen, gewechselt oder neu entschieden werden.

Das Spiel ist kein Test. Unsicherheit gehört dazu. Nichtwissen gehört dazu. Viele Menschen merken erst beim Aussprechen, dass ein Wunsch noch nicht stimmt. Oder sie spüren erst nach einer Minute, dass sie etwas verändern möchten. Genau dafür ist der Rahmen da.

Für Paare in langen Beziehungen ist das besonders wertvoll. Vertraute Gesten können schön sein, aber auch leer werden. Der Kuss, die Hand auf dem Rücken, die Umarmung im Vorbeigehen: All das kann Zugehörigkeit zeigen. Es kann aber auch automatisch werden. Das 3-Minuten-Spiel unterbricht diese Vertrautheit. Für drei Minuten muss niemand wissen, was immer schon funktioniert hat. Zwei Menschen fragen neu.

Wenn jede Berührung zu Sex führen könnte

Viele Paare verlieren Berührungsfreiheit, weil sinnliche Nähe sofort als Auftakt zu Sex verstanden wird. Eine Hand auf dem Oberschenkel, ein längerer Kuss, ein Streicheln im Bett — und innerlich beginnt die Prüfung: Wird daraus gleich mehr? Muss ich jetzt entscheiden? Wenn ich das zulasse, was löse ich damit aus?

Dann wird selbst schöne Berührung riskant. Das 3-Minuten-Spiel kann diese Eskalationslogik unterbrechen. Drei Minuten bedeuten: Diese Berührung hat einen Rahmen. Sie muss nicht weiterführen. Sie ist nicht automatisch Vorspiel. Danach wird neu entschieden. Für viele Menschen ist genau diese Begrenzung eine Voraussetzung, um sich wieder auf Berührung einzulassen.
Gute Berührung entsteht nicht, weil jemand eine Technik beherrscht. Sie entsteht, wenn Menschen spüren, antworten und verändern dürfen. Manchmal beginnt neue Nähe genau dort: nicht mit mehr Sex, sondern mit einer Berührung, die im Moment präsent bleibt, beim Körper ankommt und nicht schon auf den nächsten Schritt zielt.

Wenn du merkst, dass Berührung bei euch schon lange nur noch ungefähr passt — und du genauer werden möchtest: Ein kostenloses Kennenlerngespräch kann ein erster Schritt sein. Den Termin kannst du direkt über meinen Kalender buchen.

„Intimität entsteht durch Kommunikation“

Michael Firnkes hat mir Fragen zu dem Thema Sexualität und Konsens gestellt – hier ist das Interview

Wenn sich zwei Menschen sexuell begegnen, die sich noch nicht lange kennen, gibt es auf der einen Seite nicht selten die Angst vor Grenzverletzung. Auf der anderen Seite steht die Sorge davor, eben jener beschuldigt zu werden, obwohl man von einem gemeinsamen Konsens ausging. Sandra, wie bleiben trotzdem intime bzw. sexuelle Begegnungen möglich, die spontan im Moment entstehen?

Wenn zwei Menschen zusammen sexuell werden wollen, gehe ich davon aus, dass sie sich etwas Gutes tun wollen: gemeinsam Erregung erleben, körperliche Nähe spüren und vielleicht emotionale Verbindung erleben. Angst ist dabei kein guter Begleiter.

Wenn ich mich im Alltag verabrede komme ich ohne Kommunikation über gemeinsame Vorstellungen und Wünsche auch nicht dazu gemeinsam etwas Schönes zu erleben. Interesse am Anderen, reden, zuhören, nachfragen – das halte ich für wichtig.

Spüre ich dennoch Irritationen im sexuellen Kontakt, hilft es Augenkontakt herzustellen, langsamer zu werden, vielleicht auch mal eine kurze Pause zu machen, was zu trinken oder auf die Toilette zu gehen, um dann zu schauen: Ist meine Lust noch da? Will ich da anknüpfen, wo wir gerade waren?

„Muss ich mir jetzt alles vorher unterschreiben lassen?“ ist ein Gedanke vor allem der männlichen Seite, die ich durchaus nachvollziehen kann. Ist das aus deiner Sicht eine Möglichkeit, um besser zu reflektieren, was man will und was nicht?

Interessant an diesem Ansatz finde ich den Punkt darüber zu reflektieren, was man klar will, was man klar nicht will und den Raum der dazwischen existiert: Unsicherheit. Genau dieser Raum ist ja extrem spannend und vor allem intim in dem Sinne, dass ich mich zeige. Dazu gehört auch meine und deine Unsicherheit, die ich menschlich finde und die durchaus reizvolle Erforschung des »Raum des Nichtwissens«.

„Ich wünsche mir, dass du unbedingt sofort kundtust, wenn dir etwas nicht gefällt, was ich tue.“

Welche Alternativen gibt es, die weniger formell und dennoch klar sind?

Ein guter Freund hat mir von einer sehr schönen Möglichkeit erzählt, wie er klar ist ohne formell zu sein: „Ich selbst sage neuen, aber auch bisherigen Sexpartnern: Ich wünsche mir, dass du unbedingt sofort kundtust, wenn dir etwas nicht gefällt, was ich tue. Ich verspreche dir, dass ich nicht irritiert sein werde und sofort darauf in deinem Sinne eingehen werde. Und ich werde sofort mitteilen, was sich für mich nicht gut anfühlt, und gerne Berührungsalternativen nennen.“

Ich finde das ist eine sehr erwachsene und ganz wunderbare Aussage, die im besten Sinne fürsorglich für beide ist. Auf diese Weise ist ständiges Nachfragen gar nicht nötig. Zusätzlich darf ich erleben wie es mich entspannt, wenn jemand gut für sich sorgt.

Wie lassen sich Körpersignale aber auch Äußerungen so deuten, dass es nicht zu Missverständnissen kommt? Was hilft im Vorfeld, um herauszufinden, ob mein Gegenüber den intimen Kontakt in dieser Form auch wirklich will?

Körpersignale sind so gut wie nie eindeutig – das zu wissen ist ein sehr wichtiger erster Schritt. Wenn ich Zweifel habe, ob ich jemanden richtig verstehe, hilft nur eins: fragen. »Möchtest du, dass ich dich küsse?«

„Möchtest du, dass ich damit weitermache?“

Wie kann ich in der Begegnung selbst herausfinden, ob mein Gegenüber noch im Konsens ist, ohne dass der intime Moment durch fortlaufendes Nachfragen gestört wird?

Deine Frage impliziert, dass Kommunikation die Intimität stört. Ich sehe es eher so, dass Intimität durch Kommunikation entsteht. Wie wäre es, wenn wir sexy kommunizieren? Ich finde die Frage: „Möchtest du, dass ich damit weitermache?“ eher erotisch als störend. Und auch mein „Oh, jaaaaa…“ kann für mich, wie für mein Gegenüber, erotisch sein. Zusätzlich kann ich durch hörbares atmen, stöhnen, brummen, schnurren und die Bewegungen meines Körpers kommunizieren.

Auf der anderen Seite: Was können jene beitragen, die sich schwer damit tun, ihre Grenzen zu erkennen und zu äußern bzw. zu zeigen? Wie lässt sich die klare Kommunikation üben?

Wer seine Grenzen zwar kennt, aber sich damit schwertut sie mitzuteilen, hat vermutlich ein Thema mit dem eigenen Selbstwert oder unbewusste Glaubenssätze. Wenn ich mich selber als wertvoll wahrnehme, liegt es auf der Hand, dass ich nicht nur mit einem „Ja“ wertvoll bin, sondern mit allen meinen Facetten und Anteilen. Üben lässt sich das, indem ich mich häufiger – auch in Alltagssituationen – frage, was gerade mein Wunsch ist, womit es mir gut gehen würde und darüber spreche.

Selbstwertthemen können sehr komplex sein, so dass es hilfreich sein kann sich in der Findung der eigenen Werte begleiten zu lassen.

Mein Geschenk an mein Gegenüber kann eine Handlung oder eine Erlaubnis sein.

Was passiert aus deiner Sicht, wenn zwei Menschen nicht im Konsens sind, auch feste Paare: Gibt es „Warnzeichen“ vorab? Und wie können beide Partner*innen darauf reagieren?

Als Paar im Alltag nicht immer im Konsens zu sein, halte ich für normal und wichtig. Der Sexualtherapeuten David Schnarch nennt Differenzierung als wichtige Voraussetzung für gelingende Erotik in der Partnerschaft. Warnzeichen in der gemeinsamen Sexualität können ein häufiges Gefühl der inneren Leere und Unverbundenheit sein, manchmal auch wachsende Lustlosigkeit. Spätestens dann wird es wichtig sich darüber zu unterhalten, was man sich beim Sex wünscht.

Ich bin ein großer Fan des 3-Minuten-Spiel, das sich auf das Wheel of Consent, das Konsens-Rad, bezieht. Mit den Fragen „Wie möchtest du mich berühren?“ und „Wie möchtest du von mir berührt werden?“ lassen sich ganz praktisch unterschiedliche Berührungen erleben und erforschen. Sehr aufschlussreich ist dabei die Erkenntnis, dass es Konsens nicht nur in der Dynamik „dienen (umgangssprachlich geben) und empfangen“ gibt, sondern ebenfalls in der Dynamik „nehmen und erlauben“. Mein Geschenk an mein Gegenüber kann eine Handlung sein oder eine Erlaubnis, die vorher gegeben wurde.

„Nur ein Ja ist ein Ja.“

Aus deiner Erfahrung heraus: Was wünschst du dir, damit das Thema Konsens mehr in die Öffentlichkeit gelangt, ohne für zusätzliche Verunsicherung zu sorgen?

Offenere Kommunikation über Sexualität – ganz klar. Zusätzlich ein wachsendes Bewusstsein für Grenzen – auch im Alltag. „Nur ein Ja ist ein Ja.“ bringt es für mich gut auf den Punkt. Wenn es uns dann noch gelingt, den eigenen Unsicherheiten liebevoller zu begegnen, sind wir ein großes Stück weiter, uns als Menschen wertschätzend zu begegnen.

Mehr dazu findest du im weiterführenden Text „Sexuelle Kommunikation stört Intimität nicht“. Dort geht es darum, wie Kommunikation im Sex Nähe schaffen kann, ohne den Moment zu überfrachten.

Auf seinem Blog zu Achtsamkeit und Sexualität hat Michael Firnkes weitere interessante Fragen über Weibliches Begehren an Hanna Krohn und an Alma Katrin Wagnere über Intimität in Beziehungen gestellt.

Was ist der Vorteil von Konsens?

Der Begriff Konsens ist uns eher aus dem geschäftlichen Umfeld bekannt: Eine Entscheidung ist getroffen, wenn alle dafür sind. Der Vorteil einer einvernehmlichen Entscheidung liegt auf der Hand: Wenn ein Konsens erzielt wurde und damit vielleicht ein Problem aus der Welt geschaffen wurde, stehen alle Beteiligten hinter dem gefundenen Beschluss und tragen ihn gemeinsam mit.

Das ist etwas grundsätzlich Anderes als eine Abstimmung, bei der es immer Gewinner und Verlierer gibt.

Ich zeige hier warum es vorteilhaft ist, den Begriff Konsens im Licht einer partnerschaftlichen Liebesbeziehung oder einer erotischen Begegnung zu betrachten.

In der Liebe und Erotik haben wir das Ideal uns frei fühlen zu wollen, bestenfalls mit dem Partner gemeinsam im Flow zu sein.

Konsens in Berührungen

In erotische Begegnungen wollen wir uns als Paar genießen und uns über den Raum, der zwischen uns entsteht, freuen: Verbindung spüren, uns gegenseitig nähren, Liebe, Lust und Leidenschaft erleben.

Für den Wunsch nach diesem Gefühl rechnen wir nicht auf, erlauben uns und dem Partner*in sich fallen zu lassen und lassen manchmal »fünfe gerade sein« – sind großzügig. Häufig empfinden wir uns in dieser Großzügigkeit als besonders liebevoll.

Aber…

Wir sind auch deshalb großzügig, weil wir uns mit einem Menschen in eine intime Welt begeben, in der wir sehr viel von uns zeigen und uns dementsprechend verletzlich fühlen.

Wie heißt der Satz: »Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.« Sind wir vielleicht auch manchmal großzügig um damit der Gefahr zu entgehen selber kritisiert zu werden?

Sage ich vielleicht deshalb nicht: »Ich finde es schöner, wenn du mich auf eine andere Art, in einem anderen Tempo, an einer anderen Stelle berührst«, weil ich es selber nicht gerne hören würde? Weil sich dann das Gefühl bei mir einstellen könnte, ich sei »nicht gut im Bett«?

Das geschieht, wenn wir unsere Wünsche nicht äußern

Wenn wir unsere Wünsche nach Berührung gar nicht oder eben nicht genauer äußern, wo bleibt dann diese kleine Enttäuschung? Wenn er einen Hauch zu kräftig über unsere Haut streicht und wir deswegen nicht in unser entspanntes Wohlgefühl kommen? Oder wenn sie immer wieder zögerlich und zurückhaltend in ihren Berührungen bleibt?

(Ich nutze für diese Beispiele ganz bewusst Klischees, weil sie in diesem Fall helfen können Dynamiken besser zu entschlüsseln.)

Wollen wir Sex haben?

Diese kleinen Enttäuschungen sammeln sich auf einem kleinen Haufen. Und wenn das nächste Mal die Frage in der Luft liegt: »Wollen wir Sex haben?«, dann kommen sie um die Ecke gekrochen und bringen Zweifel und unter Umständen Unlust mit. Nach dem Motto: Dann passiert wieder das, was ich eigentlich nicht 100%ig schön finde, was mich nicht wirklich entspannt, was mich nicht wirklich anmacht, was sich lau anfühlt.

Mit diesem kleinen Haufen Enttäuschungen sind wir immer leichter geneigt »Nein, danke« zu denken und schlagen vor, doch vielleicht lieber gemeinsam ins Kino zu gehen.

Konsens, also von beiden empfundene Einvernehmlichkeit, schafft uns also einen sicheren Raum in dem wir davon ausgehen können, dass eine Berührung sich genau dann gut anfühlt, wenn wir jederzeit zu ihr »Ja« oder »Nein« sagen dürfen.

Wenn Berührung ein Geschenk ist

Wenn ich Wünsche formulieren darf, weil ich mir sicher sein kann, dass die Berührung ein Geschenk für mich ist.

Wenn ich mir dieser gebenden Motivation meiner Partner*in sicher sein kann, bin ich frei jederzeit etwas zu verändern: Ich kann mir Varianten oder auch etwas ganz Anderes wünschen – und muss mir nicht Kopf zerbrechen, ob ich meinen Partner*in mit meinen Wünschen irritieren oder ob er/sie sich beleidigt fühlen könnte.

Wheel Of Consent, Konsens-Rad. Dynamik geben - empfangen

Der Text beschreibt die Dynamik in Berührungen zwischen den Quadranten „Geben“ und „Empfangen“ im Wheel Of Consent von Dr.Betty Martin