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Sexuelle Kommunikation stört Intimität nicht

Viele Menschen fürchten, dass Worte im Sex die Stimmung zerstören. Manchmal stimmt das: Zu viele Fragen machen eng und holen den Körper aus dem Spüren. Aber ein kurzer Satz kann helfen, nicht zu raten, nicht auszuhalten und nicht über den anderen hinwegzugehen. Entscheidend ist nicht, möglichst viel zu sprechen. Entscheidend ist, dass ein Satz im richtigen Moment Orientierung gibt, ohne aus der Nähe herauszuführen.

Sexuelle Kommunikation stört Intimität nicht — wenn sie aus dem Wunsch entsteht, miteinander in Verbindung zu bleiben. Das klingt einfach. Aber viele Menschen erleben genau das als schwer.

Die Sorge ist verständlich: Sexualität lebt nicht nur von Worten. Sie lebt von Blicken, Atem, Bewegung, Haut, kleinen Zeichen und einer Spannung, die sich nicht immer erklären lässt. Wenn in einem intimen Moment zu viel gesprochen wird, kann der Körper tatsächlich aus dem Spüren herausfallen. Dann wird der Moment bewertet, das Begehren verwaltet, der eigene Körper von außen beobachtet.

Aber daraus folgt nicht, dass gute Sexualität möglichst wortlos sein muss. Kommunikation kann Intimität herstellen. Nicht durch ständiges Abfragen, nicht durch formelhafte Zustimmungssätze und nicht durch ein Gespräch, das den Körper verlässt. Sondern durch eine Haltung: Ich bleibe ansprechbar. Ich nehme dich wahr. Ich sorge für mich. Ich traue dir zu, für dich zu sorgen. Und wir dürfen miteinander herausfinden, was stimmt.

Zwischen Stille und Absicherung

Viele Paare kennen zwei Extreme. Auf der einen Seite steht die Vorstellung, Sexualität müsse spontan, wortlos und selbstverständlich sein. Wenn zwei Menschen sich wirklich begehren, so die Idee, dann wissen sie schon, was passiert. Dann ergibt sich alles. Dann braucht es keine Sprache.

Das kann schön sein, wenn beide sich sicher fühlen und der Kontakt klar bleibt. Es kann aber auch dazu führen, dass Menschen raten. Körpersignale werden gedeutet, obwohl sie nicht eindeutig sind. Berührungen gehen weiter, obwohl ein Körper innerlich längst zögert. Jemand traut sich nicht, etwas zu verändern, weil jede Unterbrechung wie ein Störfall wirkt.

Auf der anderen Seite steht eine Form von Kommunikation, die den Moment überabsichert. Dann wird immer wieder gefragt, ob alles wirklich in Ordnung ist, ob etwas erlaubt ist, ob nichts falsch gemacht wurde. Solche Fragen können wichtig sein, besonders wenn Unsicherheit, neue Erfahrungen oder frühere Grenzverletzungen im Raum sind. Wenn sie jedoch vor allem die Angst der fragenden Person beruhigen sollen, wird es eng. Dann geht es nicht mehr um Begegnung, sondern um Fehlervermeidung.

Zwischen diesen Polen liegt ein anderer Raum. Dort ist Sprache nicht dauernd da, aber möglich. Sie muss nicht alles erklären. Sie hält nur die Verbindung offen. Ein kurzes „langsamer?“ kann mehr Intimität schaffen als eine perfekte Technik. Ein „so bleiben“ kann den Körper tiefer in den Moment bringen. Ein „ich möchte dich küssen“ kann klarer und erotischer sein als ein vorsichtiges Herantasten, bei dem beide nicht wissen, ob wirklich jemand führt.

Unsicherheit gehört zu Intimität

Sexuelle Nähe enthält immer einen Anteil von Nichtwissen. Selbst in vertrauten Beziehungen. Vielleicht kennt man den Körper des anderen, seine Vorlieben, seine Gewohnheiten, seine Reaktionen. Und trotzdem ist kein Moment genau wie der andere.
Ein Mensch ist an einem Abend müder als sonst, offener, gereizter, wacher, verletzlicher oder leichter erregbar. Eine Berührung, die gestern schön war, kann heute zu viel sein. Ein Körper kann erregt reagieren und trotzdem nicht weitergehen wollen. Ein anderer kann unsicher sein und zugleich neugierig bleiben.

Intimität entsteht nicht dadurch, dass diese Unsicherheit verschwindet. Sie entsteht eher dort, wo zwei Menschen mit ihr umgehen können, ohne sofort hart, beschämt oder kontrollierend zu werden. Dazu braucht es keine dauernde Reflexion. Es braucht die Möglichkeit, kurz aufzutauchen und etwas zu sagen. Nicht als Bruch — eher wie ein Atemholen im Kontakt.

Gute Sprache bleibt nah am Körper

Sexuelle Kommunikation wird oft dann schwierig, wenn sie zu weit weg vom Körper ist. Wenn mitten in der Berührung grundsätzlich über Beziehung, alte Verletzungen oder große Unsicherheiten gesprochen wird. Solche Gespräche können wichtig sein, aber nicht jedes gehört in den Moment der Intimität.

Im Sex braucht Sprache meistens weniger Erklärung. Sie braucht Genauigkeit. Manchmal reicht ein Wort: fester, langsamer, nicht dort, so bleiben. Manchmal braucht es einen kleinen Satz: „Ich brauche kurz Pause.“ Oder: „Ich möchte dich ansehen.“ Oder: „Ich will gerade nicht sprechen.“

Das sind keine kalten Ansagen. Sie können sehr zärtlich sein, wenn sie aus dem Moment kommen. Sie helfen dem Gegenüber, nicht raten zu müssen. Und sie helfen der Person, die spricht, bei sich zu bleiben.

Viele Menschen fürchten, solche Sätze könnten fordernd oder störend wirken. Häufig ist das Gegenteil wahr. Wer klar sagt, was gerade stimmt, macht den Kontakt sicherer. Der andere muss nicht interpretieren, ob ein Zögern Unsicherheit, Genuss, Scham oder Rückzug bedeutet. Der Körper muss nicht lauter werden, um gehört zu werden.

Kommunikation ist nicht nur Fragen

Viele denken bei sexueller Kommunikation sofort an Fragen: Darf ich? Magst du das? Ist das okay? Was möchtest du? Fragen sind wichtig. Aber sie sind nicht die einzige Form von Kommunikation. Manchmal sind sie sogar zu groß oder zu plötzlich. Gerade offene Fragen können Menschen aus dem Spüren holen, wenn sie im Moment keine fertige Antwort haben.

Kommunikation kann auch ein Angebot sein. „Ich würde dich gern weiter küssen.“ Oder: „Ich möchte langsamer werden.“ Oder: „Ich habe Lust, dich zu berühren.“ Ein Angebot ist oft leichter zu beantworten als eine große Frage. Der Körper kann reagieren: ja, nein, vielleicht, anders, langsamer, so bleiben. Die Verantwortung liegt nicht allein bei der gefragten Person. Die Person, die etwas möchte, zeigt sich ebenfalls.

Das ist für Intimität wichtig. Wer immer nur fragt, vermeidet manchmal den eigenen Wunsch. Dann muss das Gegenüber den Moment führen, obwohl die Frage scheinbar achtsam klingt. Ein klares Angebot kann ehrlicher sein als eine offene Frage, hinter der Unsicherheit oder ein verdeckter Wunsch steckt.

Ansprechbar bleiben

Vielleicht ist das der wichtigste Punkt: Sexuelle Kommunikation bedeutet nicht, alles zu besprechen. Sie bedeutet, ansprechbar zu bleiben. Ansprechbar bleiben heißt, den anderen Menschen nicht zu überrollen, nur weil der eigene Körper gerade will. Es heißt auch, sich selbst nicht zu verlassen, nur weil der Moment schön bleiben soll. Es heißt, eine Veränderung wahrzunehmen, ohne sofort gekränkt zu sein. Ein Zögern nicht als Angriff zu hören. Ein Nein nicht als Demütigung zu behandeln. Ein Ja nicht als Blankoscheck zu verstehen.

In vielen Paaren ist genau das entscheidend. Nicht die perfekte Formulierung, sondern die Erfahrung: Ich darf mich melden, und du bleibst da. Ich darf stoppen, und es wird nicht kalt. Ich darf etwas wollen, und du musst nicht sofort mitgehen. Du darfst unsicher sein, und ich muss dich nicht drängen.

Wenn Sprache zu viel wird

Es gibt auch Momente, in denen Sprache zu viel ist. Nicht, weil Kommunikation falsch wäre, sondern weil der Körper gerade etwas anderes braucht. Vielleicht Stille, Langsamkeit, Blickkontakt, Abstand, eine Hand, die bleibt, eine Pause, in der niemand sofort verstehen muss, was los ist.

Manchmal kann ein Gespräch über Sex besser später geführt werden. Nicht in dem Moment, in dem eine Person nackt, verletzlich oder beschämt ist. Nicht mitten in der Erregung, wenn der Körper gerade keine großen Sätze bilden kann. Nicht direkt nach einer Zurückweisung, wenn beide innerlich schon im Schutz sind.

Im Moment reicht vielleicht ein kurzer Satz: „Ich brauche Pause.“ Oder: „Ich will das später mit dir besprechen.“ Später kann genauer gesprochen werden: Was hat mich verunsichert? Welche Frage war zu viel? Welche Art von Sprache macht mich sicherer? Welche macht mich eng?

Warum das erotisch sein kann

Viele stellen sich sexuelle Kommunikation als Unterbrechung vor. Als Moment, in dem die Erotik kurz aussetzt und die Vernunft übernimmt. Das kann passieren. Aber es muss nicht so sein. Ein klarer Satz kann erotisch sein, gerade weil er zeigt, dass jemand anwesend ist.

„Ich will dich küssen.“ „Bleib da.“ „Langsamer.“ „Ich möchte mehr.“ „Noch nicht.“ „So.“ Solche Worte können Spannung verdichten. Sie können Begehren sichtbarer machen. Sie können aus einer unsicheren Situation einen gemeinsamen Moment machen. Nicht, weil sie besonders poetisch sind. Sondern weil sie etwas Echtes zeigen.

Erotik entsteht nicht nur aus Reibung, Geheimnis und wortlosem Wissen. Sie entsteht auch aus Klarheit. Aus der Erfahrung, dass ein Wunsch ausgesprochen werden darf. Dass eine Grenze nicht zerstört. Dass zwei Menschen nicht raten müssen, um sich nah zu sein.

Sexuelle Kommunikation stört Intimität nicht, wenn sie aus dem Wunsch entsteht, miteinander in Verbindung zu bleiben. Nicht jedes Wort hilft. Nicht jede Frage ist im richtigen Moment richtig. Aber eine Sexualität, in der niemand sprechen darf, wird schnell eng. Und eine Sexualität, in der nur noch abgesichert wird, verliert ihre Lebendigkeit. Dazwischen liegt ein erwachsenerer Raum.

Wenn ihr merkt, dass sexuelle Kommunikation bei euch entweder fehlt oder zu viel Raum einnimmt — und ihr herausfinden möchtet, was euch helfen würde: Ein Kennenlerngespräch kostet nichts. Buchbar über meinen Kalender.

Wenn „Was wünschst du dir?“ im falschen Moment zu viel wird

„Was wünschst du dir gerade?“ klingt aufmerksam. Trotzdem kann diese Frage Menschen aus dem Körper holen, wenn sie im intimen Moment plötzlich wissen, entscheiden und formulieren sollen. Dieser Text trägt nur diesen einen Gedanken: Nicht jede gute Frage passt in jeden Moment.

Du liegst da. Etwas öffnet sich. Da ist Wärme, Haut, Atem, das Gewicht einer Hand. Kein klarer Wunsch — eher ein Zustand. Genuss, vielleicht Erregung, ein offenes Noch-nicht-Wissen. Dann kommt die Frage: „Was wünschst du dir gerade?“ Und plötzlich bist du wieder im Kopf.

In intimen Momenten können kleine Fragen eine große Wirkung haben. Manchmal öffnen sie einen Raum. Manchmal unterbrechen sie ihn. „Was wünschst du dir gerade?“ klingt zunächst aufmerksam. Viele Menschen hören darin Interesse, Zugewandtheit und den Wunsch, nichts falsch zu machen. Gerade in der Sexualität kann diese Frage wichtig sein, weil sie nicht einfach über den Körper des anderen hinweggeht.

Und trotzdem kann genau diese Frage einen Menschen aus dem Moment holen. Der Körper soll aus einem Spüren heraus in eine Antwort wechseln. Aus Wahrnehmung wird Entscheidung. Aus Genuss wird Positionierung.

Warum diese Frage so viel auslösen kann

Sexuelle Nähe ist oft ein feiner Zustand. Menschen sind körperlich offen, emotional empfänglich, manchmal auch verletzlich. Der Körper nimmt mehr wahr als sonst. Eine kleine Veränderung im Tonfall, eine Pause, ein fragender Blick oder eine Berührung, die plötzlich zögerlicher wird, kann spürbar werden.

Wenn in einem solchen Moment gefragt wird: „Was wünschst du dir gerade?“, kann das auf verschiedenen Ebenen ankommen. Für manche ist es wohltuend, weil sie merken: Ich werde gefragt. Ich darf mitgestalten. Mein Körper wird nicht einfach als selbstverständlich genommen. Für andere kann dieselbe Frage den inneren Druck erhöhen, nun etwas wissen, formulieren oder entscheiden zu müssen.

Das hängt stark davon ab, wie gut ein Mensch die eigenen Wünsche spürt. Viele wissen sehr genau, was sie nicht wollen. Deutlich schwieriger ist oft die Frage nach dem eigenen Ja. Was möchte ich wirklich? Welche Berührung zieht mich an? Welches Tempo passt? Möchte ich führen, empfangen, erforschen, mich hingeben, stoppen, wechseln, still bleiben?

Wer darauf keinen schnellen Zugriff hat, erlebt die Frage nach dem Wunsch nicht automatisch als Einladung. Sie kann sich anfühlen wie eine kleine Prüfung. Dann geht es innerlich nicht mehr um Lust, sondern um Leistung: Ich sollte wissen, was ich will. Ich sollte es sagen können. Ich sollte den Moment nicht kaputtmachen.

Wunsch, Bedürfnis und Fantasie sind nicht dasselbe

Ein wichtiger Punkt wird in intimen Momenten oft übersehen: Ein Wunsch ist nicht dasselbe wie ein Bedürfnis, und eine Fantasie ist noch kein Handlungsauftrag. Ein Wunsch kann sehr konkret sein: „Berühr mich langsamer.“ Ein Bedürfnis liegt oft darunter: „Ich brauche mehr Sicherheit“, „Ich möchte mich begehrt fühlen“, „Ich brauche mehr Zeit, um meinen Körper zu spüren.“ Eine Fantasie kann auftauchen, ohne dass sie eins zu eins umgesetzt werden soll.

Wenn auf die Frage „Was wünschst du dir?“ sofort eine umsetzbare Antwort erwartet wird, gehen diese Unterschiede verloren. Dann wird jeder innere Impuls zu einer Entscheidung. Das erzeugt Druck, besonders bei Menschen, die ihre Wünsche ohnehin vorsichtig behandeln. Sie fragen sich dann nicht nur, was sie spüren, sondern auch, ob sie das sagen dürfen, ob es zu viel ist, ob es komisch klingt oder ob aus einem ausgesprochenen Wunsch sofort etwas folgen muss.

Hilfreicher ist ein größerer innerer Raum. Ich darf etwas spüren, ohne es sofort zu wollen. Ich darf etwas fantasieren, ohne es umzusetzen. Ich darf ein Bedürfnis haben, ohne schon eine konkrete Handlung zu kennen. Und ich darf mitten in einer erotischen Situation sagen: „Ich weiß noch nicht, ob das ein Wunsch ist oder nur ein Gedanke.“

Wenn Fürsorge Verantwortung übergibt

Die Frage kann aus klarer Präsenz entstehen. Dann ist jemand wirklich interessiert, offen und bereit, die Antwort zu hören, auch wenn sie anders ausfällt als erhofft. In solchen Momenten kann die Frage Nähe schaffen.

Manchmal entsteht sie aber aus Unsicherheit. Eine Person verliert den Kontakt zum Moment und sucht Orientierung beim Gegenüber. Vielleicht spürt sie selbst einen Wunsch, traut sich aber nicht, ihn auszusprechen. Vielleicht möchte sie etwas verändern, aber nicht die Verantwortung dafür übernehmen. Vielleicht hat sie Angst, zu viel zu sein, und fragt deshalb lieber: „Was wünschst du dir?“

Dann klingt die Frage fürsorglich, trägt aber eine verdeckte Bitte in sich: Sag du mir, was jetzt richtig ist. Beruhige meine Unsicherheit. Gib dem Moment eine Richtung, damit ich mich sicherer fühle.

Die andere Person spürt dann vielleicht nicht nur eine Frage, sondern einen Auftrag. Sie soll den Moment sortieren. Sie soll wissen, was beide nicht wissen. Sie soll eine Richtung vorgeben, obwohl sie selbst gerade im Spüren war. Genau hier entsteht ein feines Missverständnis: Die fragende Person erlebt sich als achtsam. Die gefragte Person fühlt sich plötzlich zuständig.

Führung statt großer Frage

In intimen Momenten geht es nicht nur um Zustimmung. Es geht auch um Führung. Wer setzt einen Impuls? Wer folgt? Wer hält den Rahmen? Wer empfängt? Wer schlägt vor? Wer prüft, ob es noch stimmig ist?

Die Frage „Was wünschst du dir gerade?“ kann einen Moment öffnen. Sie kann aber auch Führung abgeben, obwohl die Situation gerade eine klare, körpernahe Orientierung bräuchte. Nicht jede Person möchte in jedem Moment entscheiden. Manchmal möchte jemand sich führen lassen, ohne die Verantwortung für den nächsten Schritt übernehmen zu müssen.

Ein konkreter Wunsch kann in solchen Momenten leichter sein als eine große offene Frage: „Ich würde dich gern weiter küssen.“ „Ich möchte langsamer werden.“ „Ich möchte meine Hand hier lassen.“ Solche Sätze geben dem Gegenüber etwas, worauf der Körper reagieren kann. Ja. Nein. Vielleicht. Langsamer. Anders. So bleiben.

Offene Fragen verlangen viel innere Organisation. Konkrete Angebote geben Orientierung.

Antwortpflicht und Nichtwissen

Viele Menschen erleben Fragen nicht als Einladung, sondern als Aufforderung. Besonders dann, wenn sie in Beziehungen stark auf Stimmung, Erwartung und Verbindung achten. Eine Frage erzeugt dann sofort Antwortpflicht. Es fühlt sich an, als müsse etwas geliefert werden.

Gerade deshalb ist das Recht auf Nichtwissen in intimen Momenten so wichtig. Eine ehrliche Antwort kann lauten: „Ich weiß es gerade nicht.“ Oder: „Ich möchte nichts entscheiden.“ Oder: „Ich bin im Spüren und möchte da bleiben.“ Oder: „Die Frage bringt mich gerade in den Kopf, lass uns langsamer werden.“ Solche Antworten sind keine Verweigerung. Sie sind Kontakt. Sie zeigen, was gerade passiert.

Noch stärker wird es, wenn die gefragte Person die Frage zurückgeben darf: „Fragst du, weil du unsicher bist?“ „Hast du selbst gerade einen Impuls?“ Dadurch wird sichtbar, ob die Frage wirklich aus Neugier kam oder ob sie einen unausgesprochenen Wunsch verdeckt.

Wenn die Frage trotzdem richtig ist

Es gibt natürlich Momente, in denen „Was wünschst du dir gerade?“ eine sehr gute Frage ist. Wenn sie aus echtem Kontakt kommt. Wenn genug Zeit da ist. Wenn die gefragte Person nicht unter Antwortdruck gerät. Wenn beide wissen, dass auch Nichtwissen, Zögern oder ein Wechsel erlaubt sind.

Dann kann die Frage einen Menschen zu sich zurückbringen. Sie kann helfen, nicht einfach mitzugehen. Sie kann einen Raum öffnen, in dem Wünsche genauer werden. Vielleicht sagt jemand zum ersten Mal: „Ich möchte, dass du langsamer wirst.“ Oder: „Ich möchte stoppen.“

Die Frage ist also nicht falsch. Sie ist nur nicht neutral. Sie hat eine Wirkung. Und diese Wirkung hängt vom Moment, vom Tonfall, von der Beziehungsgeschichte und vom Körperzustand ab.

„Was wünschst du dir gerade?“ ist eine kleine Frage mit viel Beziehung darin. Sie kann Fürsorge ausdrücken, Unsicherheit verbergen, Selbstkontakt fördern oder einen Menschen aus dem Spüren holen. Ihre Qualität liegt nicht im Satz selbst. Sie liegt darin, ob beide Menschen sich in diesem Moment näher kommen: dem eigenen Körper, dem eigenen Wunsch, der eigenen Unsicherheit und dem Gegenüber.

Wenn du merkst, dass bei euch im Bett entweder zu viel geschwiegen oder zu viel abgesichert wird — und ihr einen anderen Raum dazwischen sucht: Ein Kennenlerngespräch kostet nichts. Buchbar über meinen Kalender.

Was ist der Vorteil von Konsens?

Der Begriff Konsens ist uns eher aus dem geschäftlichen Umfeld bekannt: Eine Entscheidung ist getroffen, wenn alle dafür sind. Der Vorteil einer einvernehmlichen Entscheidung liegt auf der Hand: Wenn ein Konsens erzielt wurde und damit vielleicht ein Problem aus der Welt geschaffen wurde, stehen alle Beteiligten hinter dem gefundenen Beschluss und tragen ihn gemeinsam mit.

Das ist etwas grundsätzlich Anderes als eine Abstimmung, bei der es immer Gewinner und Verlierer gibt.

Ich zeige hier warum es vorteilhaft ist, den Begriff Konsens im Licht einer partnerschaftlichen Liebesbeziehung oder einer erotischen Begegnung zu betrachten.

In der Liebe und Erotik haben wir das Ideal uns frei fühlen zu wollen, bestenfalls mit dem Partner gemeinsam im Flow zu sein.

Konsens in Berührungen

In erotische Begegnungen wollen wir uns als Paar genießen und uns über den Raum, der zwischen uns entsteht, freuen: Verbindung spüren, uns gegenseitig nähren, Liebe, Lust und Leidenschaft erleben.

Für den Wunsch nach diesem Gefühl rechnen wir nicht auf, erlauben uns und dem Partner*in sich fallen zu lassen und lassen manchmal »fünfe gerade sein« – sind großzügig. Häufig empfinden wir uns in dieser Großzügigkeit als besonders liebevoll.

Aber…

Wir sind auch deshalb großzügig, weil wir uns mit einem Menschen in eine intime Welt begeben, in der wir sehr viel von uns zeigen und uns dementsprechend verletzlich fühlen.

Wie heißt der Satz: »Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.« Sind wir vielleicht auch manchmal großzügig um damit der Gefahr zu entgehen selber kritisiert zu werden?

Sage ich vielleicht deshalb nicht: »Ich finde es schöner, wenn du mich auf eine andere Art, in einem anderen Tempo, an einer anderen Stelle berührst«, weil ich es selber nicht gerne hören würde? Weil sich dann das Gefühl bei mir einstellen könnte, ich sei »nicht gut im Bett«?

Das geschieht, wenn wir unsere Wünsche nicht äußern

Wenn wir unsere Wünsche nach Berührung gar nicht oder eben nicht genauer äußern, wo bleibt dann diese kleine Enttäuschung? Wenn er einen Hauch zu kräftig über unsere Haut streicht und wir deswegen nicht in unser entspanntes Wohlgefühl kommen? Oder wenn sie immer wieder zögerlich und zurückhaltend in ihren Berührungen bleibt?

(Ich nutze für diese Beispiele ganz bewusst Klischees, weil sie in diesem Fall helfen können Dynamiken besser zu entschlüsseln.)

Wollen wir Sex haben?

Diese kleinen Enttäuschungen sammeln sich auf einem kleinen Haufen. Und wenn das nächste Mal die Frage in der Luft liegt: »Wollen wir Sex haben?«, dann kommen sie um die Ecke gekrochen und bringen Zweifel und unter Umständen Unlust mit. Nach dem Motto: Dann passiert wieder das, was ich eigentlich nicht 100%ig schön finde, was mich nicht wirklich entspannt, was mich nicht wirklich anmacht, was sich lau anfühlt.

Mit diesem kleinen Haufen Enttäuschungen sind wir immer leichter geneigt »Nein, danke« zu denken und schlagen vor, doch vielleicht lieber gemeinsam ins Kino zu gehen.

Konsens, also von beiden empfundene Einvernehmlichkeit, schafft uns also einen sicheren Raum in dem wir davon ausgehen können, dass eine Berührung sich genau dann gut anfühlt, wenn wir jederzeit zu ihr »Ja« oder »Nein« sagen dürfen.

Wenn Berührung ein Geschenk ist

Wenn ich Wünsche formulieren darf, weil ich mir sicher sein kann, dass die Berührung ein Geschenk für mich ist.

Wenn ich mir dieser gebenden Motivation meiner Partner*in sicher sein kann, bin ich frei jederzeit etwas zu verändern: Ich kann mir Varianten oder auch etwas ganz Anderes wünschen – und muss mir nicht Kopf zerbrechen, ob ich meinen Partner*in mit meinen Wünschen irritieren oder ob er/sie sich beleidigt fühlen könnte.

Wheel Of Consent, Konsens-Rad. Dynamik geben - empfangen

Der Text beschreibt die Dynamik in Berührungen zwischen den Quadranten „Geben“ und „Empfangen“ im Wheel Of Consent von Dr.Betty Martin